Foto: G. El Boustami

Über den Tellerrand geschaut

Diese Frage erreichte mich über das Portal http://www.abgeordnetenwatch.de

Sie wurde mir von Friedrich-W. Schaeper aus Wolfenbüttel gestellt.

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Würden Sie der Aussage zustimmen?

„AfD-Vize Gauland sagt: ´ Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eigenen Land.`
Meine Antwort: Gewöhn dich dran, Alter! (…) Wir sind hier, werden immer mehr und beanspruchen Deutschland für uns. Ob Du willst oder nicht.“
Hasnain Kazim, Journalist von „Spiegel Online“, auf Twitter am 5. Juni 2016


Hier meine Antwort dazu:

Sehr geehrter Herr Schaeper,

vielen Dank für Ihre Frage. Um sie vernünftig zu beantworten, muss ich etwas ausholen und beide Aussagen analysieren.

Herr Gauland gehört als weißer älterer Mann und einflußreicher Politiker eindeutig der Mehrheitsgesellschaft. Das ist an sich weder positiv noch negativ. Als Mehrheitsangehöriger hat man mehr Teilhabechancen als andere, einen gewissen Machtvorsprung, dafür aber auch die Verantwortung, damit vernünftig und reflektiert umzugehen. Es gibt aber eine Reihe von Versuchungen, denen jede/r unterliegen kann, der/die in der Rolle des Machthabenden ist. Ich nehme mich da nicht aus: jedes Mal dass ich z.B als „Lehrerin“ gegenüber „Schülern“ stehe, habe ich auch diesen Machtvorsprung. Auch als Politikerin. Oder als Mutter. Es ist manchmal sehr schwer, aber umso wichtiger, ein Bewusstsein für diese subtilen Machteinflüsse zu entwickeln und sich immerwieder daran zu erinnern, verantwortlich damit umzugehen. Bei Herrn Gauland ist es so, dass die Kategorien seiner Mehrheitsangehörigkeit so gehäuft sind, dass es für ihn schlichtweg Normalität ist und er durch allzu viele „blinde Flecken“schwer zugänglich  für Selbstreflexion ist. So ist meine Analyse seiner Verortung. Bei meiner Antwort stütze ich mich übrigens auf den wissenschatlichen Ansatz von Prof. Georg Auernheimer aus Köln, der Gründer der „Interkulturellen/Transkulturellen Kompetenz“. (Quelle: G. Auernheimer (Hrsg.): Interkulturelle Kompetenz und pädagogische Professionalität. 4., durchgesehene Aufl., VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2013. ISBN 978-3-531-19930-6).

Nun weiter zur Analyse: m.E. erliegt hier Herr Gauland mit seiner Aussage gleich mehreren der von Auernheimer formulierten Versuchungen eines Mehrheitsangehörigen. Er definiert den Diskurs. Er weist Arroganz vor, sowie Paternalismus. Das sind nur einige der Versuchungen, denen er hier erliegt. Sie treten in seiner definitorischen Aüßerung geballt vor.

Wie reagiert Herr Kazim? Er fühlt sich als Angehöriger der Minderheitsgesellschaft – in mehreren Punkten ist er es, genauso wie ich es auch bin – von dieser Aussage mitsamt ihren verschlüsselten Botschaften betroffen. Er ist zwar Journalist (dabei Angehöriger der Mehrheitsgesellschaft) aber auch u.a. Mensch mit Zuwanderungsgeschichte. Herr Gaulands Aussage trifft ihn ins Herz, genauso wie sie mich auch ins Herz trifft. Hier kommt der andere Part ins Spiel: der Machtmissbrauch von Mehrheitsangehörigen kann unangemessene Reaktionen bei der Minderheitsgesellschaft hervorheben. Es kann dabei von Rückzug über Hyperreaktion, Trotz bis Agressivität u.v.m. reichen. Ich kenne das bei mir auch. Wenn man Ihnen zum tausendsten Mal daran erinnert, dass Sie eigentlich nicht dazugehören, egal wie gut Sie die Sprache sprechen, ob Sie in Deutschland geboren wurden (bei mir nicht der Fall) oder ob Sie Ihre Steuer hier bezahlen, platzen Sie irgendwann. Ich glaube, das hat hier Herr Kazim gemacht.

Achtung: Ich entschuldige hier nichts. Ich versuche, zu verstehen. Fazit: Ich bin mit der Aussage von Herrn Gauland nicht einverstanden, finde sie arrogant, inhaltlich schlichtweg falsch, provozierend und diskriminierend. Ich bin mit dem inhaltlichen Kern der Aussage von Herrn Kazim einverstanden, jedoch nicht mit der Formulierung, die er wählt. Diese Formulierung sorgt m.E. für Eskalation und Missverständnis – wie Ihre Frage zeigt.

Andererseits: Ich finde es sehr schwer, mit vielen Äußerungen der AfD angemessen umzugehen. Da gehen die Meinungen auseinander. Vielleicht dachte Herr Kazim, laut und frech werden sei der beste (einzige?) Weg? Ich teile diese Meinung nicht, kann trotzdem verstehen, dass Menschen sie vertreten. Problematisch finde ich die Äußerung „Wir beanspruchen Deutschland für uns“. Es könnte missverständlich sein. Beim näheren Lesen verstehe ich sie so: Wir beanspruchen Deutschland „auch“ für uns – d.h., „wir“ sind genauso da wie „ihr“. Problematisch finde ich allerdings die Dichotomie „wir“ und „ihr“. Gruppenzugehörigkeit hervorzuheben ist manchmal notwendig, kann aber auch gefährlich sein. Das Spalten in unterschiedlichen Gruppen geschieht allerorts und ist die Grundlage für Diskriminierungen aller Art.

Ich danke Ihnen für Ihre Ausdauer beim Lesen meiner Antwort und für die Gelegenheit, die Sie mir mit Ihrer Frage gegeben haben, über das Thema zu reflektieren.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre

Ghalia El Boustami

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