Über den Fachkräftemangel

Diese Glosse habe ich 2010 geschrieben. Einiges hat sich inzwischen geändert. Juli 2016 entschied das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das Honorar für die Unterrichtsstunden bei den Integrationskursen anzuheben. Eine Unterrichtsstunde wird jetzt fast doppelt so hoch bezahlt wie bis zum 31.05.2016. Die extrem hohe Zahl der Geflüchteten und der „Lehrermangel“ haben dies bewirkt. Ein lange überfälliger Schritt. Und was ist mit der Anerkennung meines Studiums? Ich habe alle Schritte auf Eis gelegt, nachdem mir mittgeteilt wurde, dass ich einen zweijährigen Anpassungslehrgang machen müsste, um die angeblich „erheblichen Defizite“ meines belgischen Studiums aufzuarbeiten. Mittlerweile bin ich glückliche Integrationskursleiterin, sogar mit Angestelltenstatus. Ich bin bei weitem nicht die Einzige, die mit diesem Thema zu tun hatte. Es gibt da heute noch viel Luft nach oben.

Über den Fachkräftemangel

Das Land leidet unter Fachkräftemangel.

Ich schaue um mich um und staune. Denn ich begegne ihnen tagtäglich: qualifizierte Menschen, die flexibel sind und die deutsche Sprache beherrschen. Wieso sieht man sie nicht? Warum über die Landesgrenze schauen, wenn unser Land ein gewaltiges Potential an gut ausgebildeten Fachkräfte mit Zuwanderungsgeschichte birgt? Wissenschaftler, Lehrer, Ingenieure, deren Zeugnisse nicht anerkannt sind; zudem hochqualifizierte Asylbewerber, die nicht  arbeiten dürfen, gar ihren Wohnort nicht ohne Genehmigung verlassen dürfen.

Ich muss ein bisschen ausholen. Zu lange habe ich mich ja unauffällig und brav verhalten, damit man mir bloß nicht vorwirft, ich lasse mich nicht integrieren. Ich bin ja qualifiziert. Nur habe ich anscheinend im falschen Land studiert. Vier Jahre Uni in Belgien. Meinen dort erworbenen Lehramtsabschluss als „Licenciée en philologie germanique“, mit sehr gut bitte schön, darf ich theoretisch in Deutschland führen, der Weg in das deutsche Schulsystem bleibt mir aber in der Praxis versperrt.

Schon beim Studium wusste ich, dass ich nicht unbedingt in Belgien mein ganzes Leben bleiben wollte. Ich fühlte mich als Europäerin. So suchte ich nach Möglichkeiten, mehr Mobilität in mein Leben zu bringen und wurde Erasmus-Austauschstudentin der ersten Stunde. Das in Bonn verbrachte Semester war zwar einmalig, für meinen Berufsweg hat es aber nichts gebracht. In Belgien könnte ich bis in die Sekundarstufe II Deutsch und Englisch unterrichten, hierzulande geht das nicht so leicht. Dass ich Deutsch als Muttersprache nicht unterrichten darf, kann ich ja einsehen, bei Englisch verstehe ich das schlichtweg nicht.

Vor etwa einem Jahr habe ich einen neuen Versuch gestartet, mein Zeugnis anerkennen zu lassen. Wer weiß, vielleicht geht es inzwischen leichter, war mein Gedanke. Ich habe schon einige Hunderte Euros in beeidigte Übersetzungen von Scheinen, Fächerlisten, Verzeichnissen und Zwischenzeugnissen investiert, mittlerweile schaue ich mir die umfangreiche Akte an und weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Und ob ich damit weitermachen soll.

Der letzte Stand ist dieser: damit meine Akte zur Weiterprüfung zum Landesprüfungsamt geschickt werden kann, muss ich noch einige Informationen liefern. Unter anderem, die genaue Bezeichnungen der Prüfungsordnung und der Studienordnung, die damals – vom Wintersemester 1986 bis zum Sommersemester 1990 – in der Katholischen Universität Löwen galten. Zudem die Anzahl der mündlichen Prüfungen in Minuten und die Anzahl der Klausuren in Stunden, die ich jeweils für Fach 1 (Englisch) und Fach 2 (Deutsch) abgelegt habe. Die Noten und Scheine reichen da nicht.

Wer weiß das schon nach 20 Jahren noch, Hand aufs Herz? Im Sekretariat der Fakultät in Löwen sind die Mitarbeiterinnen über meine Mails und Telefonate völlig entnervt. Ich weiß einfach nicht, wie ich an dieser Information komme. Nur zwei Autostunden von Düsseldorf entfernt  liegt eine ganz fremde Welt. So sieht Europa manchmal aus. Wie kam ich denn bloß auf die Idee, mich in einen Deutschen zu verlieben!

Auch wenn alles gut geht, bin ich noch nicht am Ende des Hürdenlaufs. Hier ein Auszug aus dem langen Brief der Bezirksregierung Arnsberg, die für Akademiker aus Belgien zuständig ist:

„Wenn die Voraussetzungen gemäß §1 Abs.2 der Verordnung zur Umsetzung der EU-Richtlinien erfüllt sind, kann gemäß §1 Abs.4 der Verordnung zur Umsetzung der EU-Richtlinien die Gleichstellung davon abhängig gemacht werden, dass für die Ausübung des betreffenden Lehramtes erforderlichen erziehungswissenschaftlichen, fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen sowie schulpraktischen Kenntnisse und Fähigkeiten, die in der erworbenen Lehramtsbefähigung nicht enthalten sind, nach eigener Wahl in einem Anpassungslehrgang erworben oder in einer Eignungsprüfung nachgewiesen werden.“

Also, falls meine damalige Prüfung in Mittelhochdeutsch im 6. Semester nur 15 Minuten gedauert hat, die gewöhnlich in Deutschland vielleicht 30 Minuten dauert, und mir dazu noch ein Seminar in der modernen allgemeinen Linguistik irgendwo fehlt, muss ich das in einem Anpassungslehrgang  bzw. in einer Eignungsprüfung nachholen. Es wird sich da garantiert etwas finden, das ahne ich schon. Bisher fand sich immer etwas. Also suche ich schon nach den praktischen Modalitäten einer solchen Eignungsprüfung. Aber Moment Mal, da bin ich zu schnell. Im Brief geht es weiter:

„Für die Teilnahme an einem Anpassungslehrgang sind Kenntnisse der deutschen Sprache erforderlich, die einen Einsatz im Unterricht in Fächern und die Wahrnehmung aller Tätigkeiten erlauben.“

Soweit, so gut.

„Antragsteller, die nicht aus dem deutschen Sprachraum stammen, müssen ungeachtet ihrer fachwissenschaftlichen Qualifikation vor Beginn des Anpassungslehrgangs den Nachweis der deutschen Sprachkompetenz erbringen.“.

Konkret heißt es, das Große Deutsche Sprachdiplom des Goethe-instituts mit mindestens der Gesamtnote „gut“. Nichts anderes. Wenn ich Erdkunde oder Mathematik studiert hätte, würde das für mich Sinn machen. Wenn ich aber ausgerechnet Deutsch studiert habe? Reichen alle anderen Beweise nicht? Sich nicht verrückt machen, weiter denken. Die Prüfung würde ich ja schaffen, aber es heißt auch wieder eine Menge Geld und Zeit zu investieren. Wofür? Um mich dann an einem Anpassungslehrgang anmelden zu dürfen. Wieder Zeit, wieder Geld. Und immer noch keine Anerkennung, in jedem Sinn des Wortes. Will ich das wirklich?

Einen anderen Weg gäbe es für mich noch. Fast wäre ich durch sogenannten Quereinstieg im benachbarten Gymnasium als Französischlehrerin – meine Muttersprache – aufgenommen worden. Erforderliche Qualifikationen: ein Hochschulabschluss, interessanterweise diesmal, egal welcher; und natürlich, Französisch als Muttersprache. Nur liegt die Bezahlung weit unter der Bezahlung von in Deutschland studierten Romanist/innen.

Kurioserweise werden meine Deutschkenntnisse aufgrund meines Studiums von anderer Stelle problemlos anerkannt. Ich bin vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge(BAMF) als Integrationskursleiterin uneingeschränkt zugelassen. Konkret heißt es, dass mein Deutsch gut genug ist, um Ausländer/innen und Deutschen mit Zuwanderungsgeschichte Deutsch beizubringen, nicht gut genug aber, um im Rahmen einer deutschen Schule Englisch und Deutsch zu unterrichten. Als Integrationskursleiterin habe ich mittlerweile Erfahrung gesammelt. Ich liebe die Stimmung in diesen Kursen, unterrichte manchmal in Alphabetisierungskursen, manchmal in Kursen vom Niveau A1 bis B1 des europäischen Referenzrahmens. Es macht auf jeden Fall Spaß, auch wenn die Honorare bitter niedrig sind. Die meisten Kolleg/innen haben eine ähnliche Geschichte wie ich, wie diese Freundin, die aus Polen kommt und sich gerade in Berlin dank eines Stipendiums als Übersetzerin aufhält. Sie übersetzt polnische Autoren ins Deutsche. „Habe ich lange Jahre in Polen studiert, um Alphabetisierungskurse in Deutschland zu geben?“ Zweifelsohne eine schöne Aufgabe, die Idealismus und Engagement fordert – aber nicht unbedingt das, was sie sich vorgestellt hatte. Wie viele Deutschlehrer würden sich bereit erklären, anstelle von einer Stelle an einer deutschen Schule, einen Integrationskurs zu übernehmen? So hat man die Situation, dass die viel beworbene Integrationskurse oft eine Nische sind für die besser gestellten Migranten, die Akademiker. So bleiben „wir“ alle unter uns. Ist das auch Integration?

Mittlerweile habe ich ein anderes, in Deutschland abgeschlossenes Studium. Ich darf mich Diplom- Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (FH) nennen. Entschuldigung. Die Bezeichnung ist leider ohne noch komplexer anmutender Paraphrasierungen schlecht zu verkürzen. Da hat mir meine Mobilität übrigens auch einen Streich gespielt. Mein in Görlitz erworbenes Vordiplom (nach vier Semestern) wollte beispielweise die FH Düsseldorf partout nicht anerkennen, auch keine Teilleistungen. Es hieß: Melden Sie sich bitte im ersten Semester an! Schließlich konnte ich nach einer guten Portion Kampf in Aachen wenigstens im 3. Semester quereinsteigen. Es war ein kleiner Trost, auch wenn ich die Prüfungen wiederholen musste, die ich in Görlitz abgelegt hatte. Was soll man daraus lernen? Um es im Leben zu etwas zu bringen, mache keine Experimente und bleibe zu Hause?

Ich schaue mir meine Akte „Anerkennung“ an, an der ich schon so viel Zeit verwendet habe. Ich weiß aber, ich bin nur auf halbem Weg. Und jetzt bin ich mir nicht so sicher, ob ich diesen Kraftakt weiterführen möchte. Der Ausgang ist ungewiss. Der erste deutsche Text, mit dem ich mich im Studium auseinandergesetzt habe, war von Kafka. Ich habe den Autor lieben gelernt. Damals ahnte ich nicht, dass ich mich im deutschen Beamtendschungel herumschlagen würde, wie der Protagonist vom „Prozess“.

Neuss, 24.10.2010                                                                                                          Ghalia El Boustami

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